Posts Tagged Nächstenliebe

Eine wahre (Weihnachts-)Geschichte

Welche Kleidungsstücke könnten Sie einer fremden Person ausleihen?

Ihre Jacke? Den Pullover? Vielleicht sogar eine Ihrer Hosen? Aber würden Sie auch jemandem Wildfremden Ihre geliebten Jogging-Schuhe geben?

Als ich diesen Herbst eine Wanderung in den Gastlosen (Freiburger Voralpen) machte passierte mir Folgendes (eine Beschreibung der Wanderung finden Sie auf Espace Loisir) :

Als ich auf dem Jaun-Pass aus dem Postauto stieg, merkte ich, dass etwas mit meinen Wanderschuhen nicht stimmte. Wir hatten geplant innert zwei Stunden zum Chalet Grat zu wandern, dort zu essen und zu schlafen, und am nächsten Tag die Gastlosen-Tour (ca 5 Stunden) zu machen. Diese Wanderung war ein Geschenk von mir an meine Mutter.

Gastlosen

Gastlosen

Aber da stimmte etwas mit meinen Schuhen nicht! Ich schaute genauer hin und sah, wie sie sich zersetzten. Sie fielen auseinander. Die Sohle kam weg, die Füllung des Absatzes kam raus, auf der Strasse lagen blaue Gummiteile von meinen Schuhen.
Ich konnte unmöglich mit diese Schuhen weitergehen. Ein anderes Paar hatte ich aber nicht dabei. Es war schon nach 16.00 Uhr und wir standen ratlos herum.

Da kam ein Mann vorbei, den wir vorher schon einmal kurz gesehen hatten. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und erzählte ihm von meinem Unglück. Ich hatte keine Ahnung, wie er mir helfen könnte oder wie eine Lösung aussehen könnte. Trotzdem zeigte ich ihm meine Schuhe.
Er machte zuerst den Vorschlag, sie mit Klebeband zu reparieren und brachte mir gelbes Teppichklebeband. Aber es funktionierte nicht. Die Schuhe waren schon in einem zu schlechten Zustand.

Da bot er mir spontan seine Joggingschuhe an! Seine Schuhgrösse war 3 Nummern grösser als meine, aber in einer solchen Situation ist man nicht wählerisch.
Ich probierte sie an und war happy. Ich konnte es fast nicht glauben. Dieser Mann kannte mich nicht!
Er gab mir seine Visitenkarte und sagte mir, ich könne die Schuhe ja zurückschicken.

Joggingschuhe von Leo

Joggingschuhe von Leo

Die Wanderung mit meiner Mutter war und bleibt unvergesslich.

Es ist ein sehr schönes Gefühl ist, zu wissen, dass es grosszügige und hilfsbereite Menschen gibt. Und ich hatte das Glück einen davon zu treffen. Oder ist gar nicht so viel Glück dabei? Gäbe es mehr hilfsbereite Menschen, wenn mehr um Hilfe gebeten würde?

So oder so, ich danke Leo nochmal ganz herzlich für seine Grosszügigkeit und sein Vertrauen. Hoffentlich kann ich auch bald jemandem einen grossen Gefallen erweisen…

Hätten Sie einer fermden Wanderin oder Wanderer auch Ihre Schuhe ausgeliehen?
Wann hatten Sie das letzte Mal die Gelegenheit einen Gefallen zu erweisen?
Schreiben Sie mir!

Wortschatz

wildfremd = totalement étranger
etwas stimmt nicht = qq chose ne joue pas /n’est pas juste
sich zersetzen = se décomposer
auseinander fallen = se déliter
Klebeband = ruban adhésif
in einem schlechten Zustand sein = être en mauvaus état
wählerisch = faire la fine bouche
grosszügig = généreux
hilfsbereit = serviable
Vertrauen (das) = confiance
jemandem einen Gefallen erweisen = rendre un service à quelqu’un

Advertisements

, , , , , , , , , , ,

Leave a comment

St. Martin von Riponne

liebenwein-st-martinMenschen werden entlassen, weil ihre Firma pleite geht. Menschen werden entlassen, weil sie schlecht gearbeitet haben. Menschen werden entlassen, weil sie Regeln gebrochen haben.

Bernard Kobel ist so ein Mensch. Er ist Nachtwächter im Parkhaus Riponne – noch. Denn Bernard Kobel wird zum 31. März entlassen.

Warum? Nun, die Regel sagt: Im Parkhaus dürfen keine Obdachlosen übernachten. Egal, wie kalt es draussen ist. Egal, ob es schneit. Das ist die Regel des Parkhausmanagements.

Aber es gibt noch andere Regeln. Regeln des Herzens, Regeln des Mitgefühls, Regeln der Nächstenliebe. Eine davon sagt: Wenn ein Mensch in Not ist, muss man ihm helfen. Egal, ob er reich ist oder arm. Egal, ob er nicht ins Bild unserer Gesellschaft passt, weil er keine Wohnung hat.

Bernard Kobel hat sich entschieden. Für die Nächstenliebe, und gegen die Regel seines Managements. In zwei kalten Nächten im Dezember und Januar liess er Obdachlose nicht vor der Tür stehen. Sie durften sich bei einer Tasse Kaffee aufwärmen und im Parkhaus übernachten.

Dafür bekam er jetzt die Quittung: Er verliert seinen Job. Ein hoher Preis. Aber Bernard Kobel konnte nicht anders. Er sagt:

“Es war gegen Mitternacht und kalt an dem Abend. Es schneite und es war windig. Wie kann man Menschen unter diesen Bedingungen auf der Strasse stehen lassen? Ich kann das nicht. Man muss unmenschlich sein, um so etwas zu tun.”

Er ist sechzig, und fünf Jahre vor der Rente findet man nicht so leicht einen neuen Job. Aber wenn es jemanden gibt, der Bernard Kobel wegen seines guten Herzens entlassen hat- dann gibt es doch sicher auch jemanden, der ihn wegen seines guten Herzens einstellt.

Wir wünschen dem “Sankt Martin von Riponne” alles Gute für die Zukunft!

Worterklärungen:

  • entlassen werden (Passiv) – seine Arbeit verlieren
  • pleite gehen – die Firma hat kein Geld mehr
  • brechen, gebrochen – Man kann sich an die Regeln halten, oder man kann sie brechen.
  • Nachtwächter m. – Jemand, der nachts aufpasst, dass alles in Ordnung ist.
  • Parkhaus n. – Dort parken viele Autos auf vielen Etagen.
  • Obdachloser m. – Ein Mensch, der keine Wohnung hat
  • übernachten = schlafen
  • Mitgefühl n. – Empathie
  • Nächstenliebe f. – Altruismus, Solidarität
  • in Not sein – wenn es geht einem Menschen sehr schlecht geht: kein Geld, keine Arbeit, krank…
  • Bedingungen = Konditionen
  • unmenschlich ≠ menschlich
  • einstellen – jemandem eine Arbeit geben

, , , , , , , ,

Leave a comment

Das Ende der ersten Halbzeit

Damit haben weder seine Fans, noch Lucio Dalla gerechnet: das Konzert, das er vergangenen Mittwoch in Montreux gegeben hat, war sein letztes Konzert. Er starb am nächsten Morgen nach dem Frühstück an einem Herzinfarkt. Er wurde 68 Jahre alt.

Lucio Dalla zeigte schon als kleiner Junge musikalisches Talent. Mit sieben Jahren spielte er Akkordeon, mit dreizehn Jahren Klarinette. Seine Karriere startete er in einer Jazzband. In den 60er Jahren gab er Konzerte mit bekannten Jazz-Musikern wie Chet Baker oder Charlie Mingus. Später machte er eine Solokarriere als Sänger und Komponist.

Lucio Dalla war praktizierender Katholik und christliche Werte wie die Nächstenliebe waren ihm sehr wichtig. Er hatte ein Herz für die Armen. Jedes Jahr an Neujahr hat er die Obdachlosen seiner Heimatstadt Bologna in ein gutes Restaurant eingeladen.

Lucio Dalla glaubte daran, dass das Leben nach dem Tod weitergeht. Er sagte einmal: “Ich glaube nicht an den Tod. Er ist nur das Ende der ersten Halbzeit.”

Inspiration für die nächste Deutschstunde:

1) Welche Werte sind Ihnen wichtig? Disziplin, Gerechtigkeit, Pflichterfüllung, Nächstenliebe, Ehrlichkeit, Bescheidenheit … Nennen Sie drei Werte, die für Sie wichtig sind. Warum sind sie Ihnen wichtig?

2) Woran glauben Sie? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Oder ist alles zu Ende, wenn wir sterben? Diskutieren Sie.

Wie immer freuen wir uns auch über Kommentare!

Worterklärungen:

  • erste Halbzeit – im Sport z.B. beim Fussball, gibt es eine erste und eine zweite Halbzeit
  • weder…noch – Im Supermarkt kaufe ich weder Äpfel noch Birnen. Ich kaufe Bananen.
  • mit etwas rechnen – glauben, dass etwas passiert
  • geben, gab, gegeben – Musiker geben Konzerte.
  • sterben, starb, gestorben – Das ist 100% sicher: jeder von uns wird eines Tages sterben.
  • Herzinfarkt m. – Daran sterben viele Menschen, besonders Männer.
  • Wert m. – Das, was uns im Leben wichtig ist. Werte sind z.B. Disziplin, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit…
  • Nächstenliebe f. – Man soll zu allen anderen Menschen so gut sein wie zu sich selbst.
  • ein Herz für etwas / jemand haben – Etwas / jemanden besonders mögen.
  • Obdachloser m. – Jemand, der kein Haus oder eine Wohnung hat.
  • Heimatstadt f. – Die Stadt, aus der ich komme.
  • einladen – Ich lade dich ein. Ich zahle die Rechnung.

, , , , , , , , , ,

Leave a comment